Wie wird Integration gemessen?

Das Monitoring der Länder orientiert sich in seinem Integrationsverständnis an den klassischen Dimensionen der Integration (siehe Konzeption und Zielsetzung) und bildet somit vor allem Prozesse der Sozialintegration ab. Eine Beschränkung hierauf greift jedoch zu kurz, da Integration auch von der Offenheit der Gesellschaft und den Zugangschancen zu den Institutionen abhängt1 Das Monitoring der Länder bezieht daher diese Bereiche explizit mit ein.

Die Indikatoren wurden so ausgewählt, dass sie eine möglichst hohe Aussagekraft für die jeweilige Dimension haben. Ziel ist es, mit wenigen Indikatoren ein möglichst umfassendes Gesamtbild zu gewinnen. Grundlage hierfür sind die bestehenden Datenquellen, vor allem die amtliche Statistik (siehe Konzeption und Zielsetzung). Dies bedingt, dass die Dimension der strukturellen Integration umfassend dargestellt werden kann, die weiteren Dimensionen jedoch nur punktuell. Hierzu bedarf es repräsentativer Befragungen, wie sie beispielsweise vom Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR) in Form des Integrationsbarometers2 durchgeführt und regelmäßig veröffentlicht werden.

Die Indikatoren sind – mit Ausnahme der allgemeinen Kennzahlen, die zur Beschreibung der Bevölkerung mit Migrationshintergrund dienen – so angelegt, dass jeweils die Bevölkerung mit und ohne Migrationshintergrund (bzw. Ausländer/innen und Deutsche) abgebildet wird. So lassen sich Unterschiede zwischen den Bevölkerungsgruppen erkennen und deren Entwicklung über die Zeit beobachten, Integration also messen. Der Anteil an Personen mit Migrationshintergrund mit höheren Bildungsabschlüssen ist z.B. geringer als der vergleichbare Anteil bei den Personen ohne Migrationshintergrund. Steigt dieser Anteil im Laufe der Zeit bei der Bevölkerung mit Migrationshintergrund an und ist der Anstieg zudem höher als bei der Bevölkerung ohne Migrationshintergrund, kann dies auf einen Integrationsfortschritt hindeuten.

Auch in dem vorliegenden 4. Bericht zum Integrationsmonitoring der Länder werden sämtliche Daten – soweit möglich – für Männer und Frauen getrennt aufgeführt. Seit dem 3. Bericht werden für alle Indikatoren auch Daten für die ostdeutschen Bundesländer separat ausgewiesen. Auch der Heterogenität der Bevölkerung mit Migrationshintergrund wird dadurch Rechnung getragen, dass neben den Daten zu den Personen mit Migrationshintergrund insgesamt – soweit möglich – auch jene für Ausländer/innen und Deutsche mit Migrationshintergrund sowie für selbst zugewanderte und für in Deutschland geborene Menschen mit Migrationshintergrund ausgewiesen werden. Eine weitreichende Differenzierung ist dem Internetportal „Integrationsmonitoring der Länder“ zu entnehmen. Damit werden die besonderen Integrationsfortschritte der Deutschen mit Migrationshintergrund, darunter eingebürgerte Personen, sowie der in Deutschland geborenen Kinder von Zugewanderten herausgestellt.

Bei der Interpretation der Daten ist zu beachten, dass Unterschiede in den Ergebnissen zwischen der Bevölkerung mit und ohne Migrationshintergrund nicht auf den Migrationshintergrund als alleinige Ursache zurückgeführt werden können. Insoweit ist das Instrument der Indikatorenberechnung nicht mit einer kausalen Analyse gleichzusetzen. Auch andere Faktoren spielen eine mitunter gewichtige Rolle. So können der Kontext, in dem Integration stattfindet, sozialstrukturelle Faktoren, welche die soziale Lage der Menschen prägen, sowie das Milieu, in dem die Menschen ihren sozialen und kulturellen Alltag leben, ursächlich für bestimmte Unterschiede und Integrationsverläufe sein. Auch der Bildungsstand einer Person oder ihrer Eltern spielt eine große Rolle bei der Integration in der Schule und den Arbeitsmarkt. Genauso wichtig sind jedoch auch Sprachkenntnisse und soziale Netzwerke, die bei der Arbeitssuche helfen und die Migranten nur eingeschränkt haben. Zudem können beobachtete Integrationsdefizite ihre Ursache auch in Benachteiligungen und Barrieren haben, die Menschen aufgrund ihres Migrationshintergrunds, beispielsweise auf dem Wohnungs- und Arbeitsmarkt, erfahren3.

Zentral für die Abbildung von Integrationsprozessen ist die Beobachtung der Indikatoren über die Zeit. Eine Momentaufnahme ist nur eingeschränkt aussagekräftig, da Veränderungen in der Bevölkerungszusammensetzung oder konjunkturelle Effekte beispielsweise Auswirkungen auf die Arbeitsmarktintegration haben. So hat sich die Zusammensetzung der Bevölkerung mit Migrationshintergrund seit dem letzten Berichtsjahr 2013 durch Zuwanderung von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern aus Süd- und Osteuropa sowie Schutzsuchenden nachhaltig verändert. An dieser Stelle kann das Monitoring der Länder jedoch keine Bezüge zu Veränderungen im Kontext, wie z.B. der Bevölkerungszusammensetzung, herstellen. Wie bereits unter Konzeption und Zielsetzung beschrieben, ist das Monitoring der Länder daher auch nicht darauf angelegt, Vergleiche zwischen den Bundesländern oder Rankings anzustellen, da die unterschiedliche demografische und sozialstrukturelle Zusammensetzung der Bevölkerung mit Migrationshintergrund in den jeweiligen Bundesländern nicht berücksichtigt wird.

Die Beschränkung auf Kernindikatoren ist der Bildung eines Integrationsindexes vorzuziehen. Für die Bildung eines Integrationsindexes müsste eine Vielzahl von Annahmen über die Wertigkeit einzelner Integrationsbereiche und der einzelnen Indikatoren getroffen werden, wie sie z.B. das Berlin-Institut4 vornimmt.

Bei einer Indexbildung wird zudem häufig vernachlässigt, dass die Themenfelder der Integration auch in einem Zusammenhang stehen, dass sich beispielsweise die Bildungsstruktur auf die Arbeitsmarktchancen auswirkt. So können ähnliche Aspekte mehrfach in einen Index eingehen und den dort dokumentierten Stand der Integration verzerren. Eine Analyse kausaler Zusammenhänge zwischen den einzelnen Integrationsbereichen kann das Monitoring der Länder aber nicht leisten. Dies bleibt Aufgabe der Wissenschaft.

1 Treibel, Annette (2016): Integriert Euch! Plädoyer für ein selbstbewusstes Einwanderungsland, Bonn.

2 Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration (2016): Viele Götter, ein Staat: Religiöse Vielfalt und Teilhabe im Einwanderungsland. Jahresgutachten 2016 mit Integrationsbarometer, Berlin.

3 Antidiskriminierungsstelle des Bundes (Hrsg.) (2012): Benachteiligungserfahrungen von Personen mit und ohne Migrationshintergrund im Ost-West-Vergleich, Berlin; Fick, Patrick; Wöhler, Thomas; Diehl, Claudia; Hinz, Thomas (2014): Integration gelungen? Die fünf größten Zuwanderergruppen in Baden-Württemberg im Generationenvergleich, Stuttgart.

4 Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung (2014): Neue Potenziale. Zur Lage der Integration in Deutschland, Berlin.